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Jakob und Regina Karnowski

Jakob Karnowski wurde am 27. Februar 1880 als Sohn von Dawid Karnowski und seiner Ehefrau Golda, geb. Kaufmann, in Kalisch/Kalisz (Polen) geboren. Regina Karnowski kam am 16. März 1884 mit dem hebräischen Namen Rywka als Tochter von Simon Nejmann und Genendlja, geb. Rapoport in Kalisch/Kalisz (Polen) zur Welt. Ihr Name wurde später eingedeutscht zu Regina Neumann. 

Jakob und Regina Karnowski heirateten am 15. Januar 1909 in Ulm, am Wohnort der Braut. Sie lebten nach ihrer Eheschließung in Göppingen. Von dort zogen sie am 7. April 1919 nach Neu-Ulm.

Sie hatten drei Söhne:

Max: geb. am 17.10.1909 in Göppingen. Er konnte noch 1930 über Berlin nach Hochdorf/Luzern (Schweiz) auswandern.

Siegmund: geb. am 12.11.1910 in Göppingen. Er starb am 21. Dezember 1912 in Göppingen.

Walter: geb. am 14.08.1912 in Göppingen. Er starb am 11. Februar 1927 in Neu-Ulm. Sein Grab befindet sich heute noch auf dem Neuen Friedhof in Ulm.

Familie Karnowski wohnte vom 9. April 1919 bis zum 1. August 1933 in Neu-Ulm, Johannisstraße 5. Anschließend mieteten sie eine Wohnung bei einem Ehepaar in der Beethovenstraße 11 in Neu-Ulm/Offenhausen, wo sie bis zum 1. September 1938 bleiben konnten.
 

Schwarzweiß-Fotografie, Blick von einer Kreuzung in eine Straße mit Geschäften, im Vordergrund steht ein Junge mit Schulranzen auf der Straße,  dahinter geht ein Mann mit Schirm über die Straßen, Passanten, eine Pferdekutsche und arbeitende Frauen
Die Postkarte der Donauinsel um 1910 zeigt einen anderen Straßenverlauf als heute. Das Zigarrengeschäft von Jakob Karnowski lag in dem Gebäude mit dem hellen Schild hinten rechts. (Bild: Stadtarchiv Neu-Ulm)

Jakob Karnowski hatte von 1919 bis 1925 ein Zigarrengeschäft in Neu-Ulm (Insel 2) und arbeitete auch in der Zigarrenfabrik „Lyra“ seines Bruders Salomon Karnowski in Ulm mit. Von Juni 1925 bis April 1926 versuchte er in Berlin beruflich Fuß zu fassen. Vermutlich war dies nicht sehr erfolgreich, denn 1929 wurde er wieder in Ulm als Inhaber des Zigarrenhauses „Monestra“ in der Glöcklerstraße 29 geführt. Durch die Repressalien des Naziregimes wurde die finanzielle Situation des Ehepaars Karnowski immer schlechter. Ihr Sohn Max schreibt am 3. August 1957: “An eine Erwerbstätigkeit war allerdings schon lange vorher nicht mehr zu denken, sodass meine Eltern danach hauptsächlich durch meine Unterstützung ihren Lebensunterhalt bestritten.“
  

Schwarz-Weiß-Fotografie, Aufnahme von oben, Blick auf eine Brücke (mit Passanten) über einen Fluss (Donau), die Straße führt nach Neu-Ulm
Blick über die Herdbrücke auf die Insel um 1906. In dem Eckhaus in der Bildmitte war zeitweise das Zigarrengeschäft von Jakob Karnowski. (Bild: HdGBW)

Vom 27. Juni 1925 bis 10. April 1926 lebte Jakob Karnowski in Berlin. Seine Ehefrau blieb wohl mit den Söhnen Max und Walter  in Neu-Ulm wohnen. Am 1. September 1938 wurden Jakob und Regina Karnowski nach Ulm abgeschoben, wo sie zu Familie Frenkel in die Olgastraße 64 (heute Nr. 114) zogen. 

Mit ihnen zusammen und weiteren polnisch stämmigen jüdischen Bürgern wurde das Ehepaar Karnowski am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polenaktion“ nach Polen abgeschoben (Abschiebungsort: Auffanglager Bentschen/Zbaszyn, Deportationsziel: Lodz, Ghetto). Anlass für die Ausweisung war ein Erlass des polnischen Innenministeriums, dass alle Pässe bis zum 29. Oktober 1938 verlängert werden mussten. Alle nicht verlängerten Pässe verloren ihre Gültigkeit und deren Besitzer ihr Recht auf Rückkehr nach Polen. Jakob und Regina Karnowski durften nur ein kleines Handgepäck mitnehmen und mussten zunächst, wie alle anderen Deportierten auch, im Niemandsland an der Grenze kampieren. 
 

Polenaktion
Infolge eines polnischen Gesetzes aus dem Jahr 1938 drohte etwa 50.000 polnischen Juden im Deutschen Reich die Staatenlosigkeit. Aufgrund dessen stellten die deutschen Behörden ab dem 27. Oktober 1938 Ausweisungsbefehle aus, die dazu führten, dass etwa 12.000 bis 17.000 Juden kurzfristig verhaftet und über die polnische Grenze abgeschoben wurden.

 

Am 31. Oktober 1938 schickten sie von Zbaszyn (ca. 100 km östlich von Frankfurt/Oder) aus ein Telegramm an ihren in der Schweiz lebenden Sohn Max mit der Bitte um Geld. Max versuchte noch über den Ulmer Rechtsanwalt Dr. Leopold Hirsch die Ausweisung rückgängig zu machen, aber ohne Erfolg.

Max schreibt dazu in einem Brief vom 3. August 1957:
„Meine Eltern sind in der Nacht vom 27. auf 28. Oktober 38 zusammen mit anderen polnischen jüdischen Staatsbürgern nach Polen deportiert worden, nachdem sie über 30 Jahre lang ununterbrochen in Deutschland ansässig waren. Die erste Nachricht hierüber ist mir am 31.10. durch ein Telegramm aus Zbaszyn zugekommen, in welchem ich um telegrafische Überweisung eines Betrages gebeten wurde. Die Verhältnisse dort waren trostlos. Versuche diesen Ausweisungsbefehl wieder rückgängig zu machen und welche durch den damaligen Rechtsanwalt Dr. Hirsch in Ulm a. d. Donau unternommen wurden, blieben vollkommen ohne jeden Erfolg.“

In Lodz wohnte das Ehepaar Karnowski zunächst in Jenczalska 4, bis das Ghetto am 28. Februar 1940 errichtet wurde. Dorthin mussten dann alle jüdischen Bürger der Stadt umziehen. Am 30. April 1940 wurde dieses 4,13 Quadratkilometer große Gebiet endgültig abgeriegelt und Familie Karnowski lebte nun am östlichen Rand des Ghettos in der Holzstraße 30, Flat 13.

Ca. 160 000 Menschen lebten im Ghetto unter katastrophalen Wohn- und Lebensbedingungen. Ständiger Hunger, Seuchengefahr, Brennstoffmangel und  unzureichend zugeteilte, teilweise verdorbene, Lebensmittel waren der Alltag. Zusätzlich führten die beengenden Wohnverhältnisse (15-20 Personen in einem Raum) ohne sanitäre Anlagen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen. Im Februar 1942 starben dort – laut Ghettostatistik - täglich 67 Menschen, darunter auch Jakob Karnowski am 26. Februar 1942. In den Krankenhausakten steht Herzschwäche als Todesursache. Regina Karnowski starb kurz darauf am 18. März 1942, vermutlich ebenfalls im Krankenhaus des Lodzer Ghettos. 

Die Enkel von Jakob und Regina Karnowski erinnern sich, dass deren Sohn Max Karnowski in Berlin gelebt hat (am 27. Dezember 1926 wurde er in Neu-Ulm abgemeldet) und durch die Empfehlung eines Berliner Parfümfabrikanten 1930 Kontakt zu dem Kerzen- und Parfümfabrikanten Balthasar in Hochdorf/Luzern bekam. Max Karnowski zog am 14. April 1930 nach Hochdorf, wurde von Fabrikant Balthasar eingestellt und arbeitete sich bis zum Direktor/Geschäftsführer dieser Firma hoch. Er leistete einen großen Beitrag zur Industrialisierung des Luzerner Seetals. Max Karnowski war Schweizerbürger und heiratete am 4. September 1954 Anna Pia Wili aus Hitzkirch (geb. am 23. März 1923). Max Karnowski starb am 27. November 1959. 

Quellen:

  • Ingo Bergmann, Und erinnere dich immer an mich, Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm, 2009
  • Adressbücher der Stadt Ulm/Neu-Ulm
  • Stadtarchiv Neu-Ulm
  • Stadtarchiv Göppingen
  • Landesarchiv Baden-Württemberg
  • Landesarchiv Ludwigsburg
  • Landesdenkmalamt Baden-Württemberg
  • ITS Bad Arolsen
  • Mündliche Erinnerung von Felix Karnowski (Enkel von Jakob und Regina Karnowski) und Ruth Cortecka (Nichte von Jakob und Regina Karnowski)
  • www.jewishgen.org