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Alfred Neuburger

Alfred Neuburger mit mittlerem Alter in Anzug und Krawatte
Porträtfoto von Alfred Neuburger (Bild: Familie Neuburger)

Alfred Neuburger wurde am 4. September 1883 als Sohn von Isak Neuburger (geb. 28.10.1849) und seiner Ehefrau Rosa, geb. Dreifuss (geb. 06.07.1859) in Ulm geboren. Nachweisbare Wohnanschriften in Ulm sind Platzgasse 29 (1902), Hirschstraße 6 (1904-1906) und ab 1907 Heimstraße 25.

Am 19. Juli 1902 legte Alfred Neuburger sein Abitur am Gymnasium Ulm ab. Seine erstmalige Immatrikulation als Jurastudent war am 29. Oktober 1903 an der Universität in Tübingen. Danach studierte er zwei Semester an der Universität Leipzig und ein Semester an der Universität Berlin. Seine zweite Immatrikulation in Tübingen war am 3. Mai 1906. Am 8. August 1907 wurde er exmatrikuliert, im Herbst 1908 legte er die 1. Höhere Justizdienstprüfung und im Frühjahr 1913 die 2. Höhere Justizdienstprüfung mit Erfolg ab. Im darauf folgenden Herbst beantragte er in Tübingen die Zulassung als „Hörer“ im Zusammenhang mit einer geplanten Promotion. Er belegte vom Wintersemester 1913/14 bis zum Sommersemester 1914 und vom Zwischensemester 1919 bis Sommersemester 1922 jeweils mindestens eine Lehrveranstaltung. Belege für eine Promotion in Tübingen ließen sich nicht ermitteln.
Alfred Neuburger ist im Adressbuch von 1910 als Referendar mit Wohnung in der Heimstraße 25, der Jackschen Villa, erwähnt.

Alfred Neuburger war Soldat im 1. Weltkrieg und wurde mehrmals verwundet.

Bereits während des Krieges bekamen Alfred Neuburger und seine aus Elpersheim bei Bad Mergentheim stammende Freundin Maria Barbara Gehringer zwei Kinder:

Erna Hildegard Elisabeth Neuburger, geb. am 28.07.1916 in Frankfurt/Main, sowie
Kurt Neuburger, geb. am 23.09.1918 in Untertürkheim.

Am 7. April 1923 heiratete Alfred Neuburger die evangelische Maria Barbara, nun Neuburger, in Ulm.

Bis  1933 lebte die Familie in der Heimstraße 25. Wegen der ab 1. April 1933 einsetzenden Beeinträchtigungen des Alltags konnte die Familie Neuburger weder die Wohnung, noch die berufliche Existenz halten. Vermutlich zog die Familie in die Olgastraße 4 (laut Adressbuch von 1937). Am 20. Januar 1937 starb Alfred Neuburgers Ehefrau und dadurch verlor er auch den Schutz seiner „privilegierten Mischehe“.

Am 2. Juni 1937 zog Alfred Neuburger in die Schützenstraße 38 nach Neu-Ulm und wohnte dort zur Untermiete bei Familie Neumann. Seine beiden Kinder sind nicht mit umgezogen.

Kurt wurde am 1. April 1937 in Ulm abgemeldet, da er zum Reichsarbeitsdienst nach Frankfurt/Oder musste. Er heiratete am 12. Mai 1951 in Gummersbach Erna Johanne Scherenhorst. Sie bekamen 2 Kinder (Gabriele Neuburger, geb. am 6.8.1952 und Alfred Neuburger, geb. am 20.4.1954) und wurden in Bergneustadt heimisch.

Erna Elisabeth wurde ebenfalls in Ulm abgemeldet und zog nach Forst am Main. Sie heiratete am 27. April 1946 in Frankfurt den Kaufmann Robert Planz, der in Frankfurt ein Zigarrenhaus hatte. Er starb am 29. September 1958.

Ab 1925 hatte Alfred Neuburger in der Heimstraße 25 auch seine eigene Kanzlei als selbstständiger Rechtsanwalt. Wegen der Boykottmaßnahmen gegen jüdische Bürger musste er seine Praxis Ende 1936 aufgeben. Trotzdem wurde er noch in der Transportliste vom 5. Juli 1940, in der Juden aus der Heil- und Pflegeanstalt Günzburg deportiert wurden, als Vormund von Hermann Robert, geb. 12.02.1862 geführt. Er arbeitete bis zur Zerstörung der Synagoge am 9. November 1938 bei der jüdischen Gemeinde von Ulm als Synagogenverwalter.
  

Sieben Personen (fünf Männer und zwei Kinder) sitzen auf Blumentöpfen und anderen Gegenständen zusammen vor einer Scheune unter einem Baum
Alfred Neuburger (mit Hut) um 1942 im Kreis von französischen Kriegsgefangenen und einem italienischen Mitarbeiter der Gärtnerei Vietzen (Bild: Gärtnerei Vietzen)

Im Anschluss an die Pogromnacht wurde er verhaftet und vom 11. November 1938 bis 28. Januar 1939 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Während dieser Zeit wurde er am 30. November 1938 aus der Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen. Nach seiner Entlassung aus Dachau kam er zurück nach Neu-Ulm und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gartenarbeiter bei der Gärtnerei Vietzen in Neu-Ulm. Laut Aussagen von Zeitzeugen  wurde er von Mitbürgern geschlagen, gehänselt und schikaniert. Durch seine schlechte körperliche Verfassung konnte er nicht voll arbeiten. Von der Stadt Neu-Ulm bekam er aber die Erlaubnis, in der Gaststätte „Letzter Heller“ in der Memminger Straße sein Mittagessen einnehmen zu dürfen.

Während dieser Zeit musste Alfred Neuburger auch kurz in Ulm gewohnt haben, da er im Adressbuch von 1939 als Kaufmann in der Söflinger Straße 148, 4. Stock, aufgeführt ist. 

Im Juni 1939 mussten viele der in Neu-Ulm lebenden Juden in die „Judenhäuser“ in der Hindenburgstraße 34 und Schützenstraße 41 umziehen. Deshalb, aber auch weil das Haus Schützenstraße 38 „arisiert“ wurde (in den 1. und 2. Stock sollte die DAF einziehen), musste Alfred Neuburger in das Haus der Familie Bissinger in die Hindenburgstraße 34 (heute Augsburger Straße 34) umziehen. Dort bekam er das Zimmer, das eigentlich für Dan Bissinger, der noch in Augsburg wohnte, vorgesehen war.
 

Sechs Männer und zwei Frauen sitzend und stehend auf einem Feld, im Hintergrund Gewächshäuser
Alfred Neuburger (ganz links) und Mitarbeiter der Gärtnerei Vietzen 1942 auf einem Feld (Bild: Gärtnerei Vietzen)

Nach der Deportation der Familie Bissinger am 4. April 1942 wurde deren Haus ebenfalls „arisiert“ und Alfred Neuburger musste wieder umziehen, in die Schützenstraße 41 zur Untermiete bei Anna Wolff. Dort bekam er das frei werdende Zimmer von Josef Stern, der ebenfalls am 4. April 1942 ins Ghetto von Piaski deportiert wurde.

In der Deportationsliste vom 23. Juni 1943 nach Theresienstadt ist Alfred Neuburger aufgeführt. Aus unbekannten Gründen wurde er aber nicht abgeholt.
Am 11. Januar 1944 erhielt er aber nun doch den Deportationsbefehl, wurde direkt auf der Arbeit in der Gärtnerei Vietzen verhaftet und am nächsten Tag nach München gebracht. In seinem Abschiedsbrief an seinen Sohn Kurt schreibt er noch:
"Auf ein nicht zu fernes, frohes und gesundes Wiedersehen." 
Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen. 

Am 13. Januar 1944 kam er mit dem Transport „II/30“ nach Theresienstadt. Auch dort arbeitete er noch als Gärtner. Sein letztes Lebenszeichen ist eine Postkarte vom 13. Oktober 1944 aus Theresienstadt, in der er sich bei einer Ulmer Familie für ein zugesandtes Paket bedankte. Mit dem letzten Theresienstädter Transport wurde er am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.

Alfred Neuburger als kleines Kind auf einem Stuhl sitzend
Der Vater von Alfred Neuburger hat seinen Arm um den jungen Alfred Neuburger gelegt, beide in festlichem Gewand
Portraitbild von Maria Barbara Neuburger mit Hut
Der Tisch ist voller Geschenkkörbe und Geschenke, im Hintergrund Einrichtungsgegenstände im Wohnzimmer
 
 

Quellen:

  • Ingo Bergmann, Und erinnere dich immer an mich, Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm 2009
  • Hrsg. Barbara Treu, Stadt Neu-Ulm, 1869-1994 Texte und Bilder zur Geschichte, Stadtarchiv Neu-Ulm, 1994
  • Zeugnisse zur Geschichte der Juden in Ulm, Erinnerungen und Dokumente, Stadtarchiv Ulm, 1991
  • Heinz Keil, Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm, Ulm 1961
  • Adressbücher Stadt Ulm/Neu-Ulm
  • Stadtarchiv Ulm
  • Stadtarchiv Neu-Ulm
  • Staatsarchiv Augsburg
  • Landesarchiv Baden-Württemberg
  • Familienchronik der Gärtnerei Vietzen, Neu-Ulm