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Elisabetha Stoß und Dr. Ludwig Stoß

Augsburger Straße 45

HIER WOHNTE
ELISABETHA STOSS
GEB. ROSENSTIEL, JG. 1895
VERHAFTET 1938
GEFÄNGNIS NEU-ULM
ENTLASSEN 1938
MIT HILFE ÜBERLEBT

HIER WOHNTE
DR. LUDWIG STOSS
JG. 1887
1935 HETZKAMPAGNE
IM STÜRMER UND
ABGESETZT ALS CHEFARZT
WEITER TÄTIG ALS ARZT

Pauline Elisabetha Stoß-Wallersteiner geb. Rosenstiel, genannt Alice, wurde am 18. Februar 1895 als Tochter des Weinhändlers Oskar Rosenstiel (1866-1946) und seiner Frau Rosa Rosenstiel, geb. Marx (1872-1963) in Neustadt an der Weinstraße geboren

Während des Ersten Weltkrieges diente Alice für das Rote Kreuz als Kriegspflegerin in einem Mainzer Lazarett. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann, den Stabsarzt der Reserve Dr. Hugo Eugen Wallersteiner (4.11.1881 in Biberach/Riss – 3.11.1930) aus Ulm kennen. Dieser hielt sich anlässlich eines Krankenaufenthaltes nach der Schlacht an der Somme in Mainz auf. Das Paar heiratete am 11. September 1917 in Neustadt. Einige Wochen später wurde Wallersteiner nach Neu-Ulm zum dortigen Garnisonlazarett abkommandiert. Nach dem Krieg setzte Wallersteiner seine Tätigkeit als anerkannter Gastroenterologe in seiner Ulmer Facharztpraxis fort.

Schwarz-weiß-Foto von einem Krankenzimmer im Lazarett mit fünf Patienten und Pauline Elisabetha Rosenstiel als Krankenschwester
Pauline Elisabetha Rosenstiel als Krankenschwester im Mainzer Lazarett, vor 1917 (Bild: Fotograf unbekannt, Quelle: Stadtarchiv Ulm, G2 Kurt Wallersteiner)

Wallersteiner war seit 1908 in Ulm ansässig (zuerst Fees'sches Haus in der Hirschstraße, späterhin am Münsterplatz). Er engagierte sich in mehreren Vereinen und war ein anerkanntes Mitglied des Ulmer Bürgertums. Als Vorsitzender des Ulmer Fußball Vereins 1894 leitete er von 1914 bis 1921 und von 1924 bis 1930 einen der drei größten Sportvereine der Donaustadt. Seine Frau Alice machte die Buchhaltung der Praxis und war ebenfalls sehr sportlich.

Am 27. Januar 1919 wurde der Sohn Kurt Samuel Wallersteiner geboren. Wallersteiner starb am 3. November 1930, einen Tag vor seinem 49. Geburtstag. Alice Stoß-Wallersteiner erhielt das Ehrenkreuz für Kriegerwitwen.

Hugo Eugen Wallersteiner und seine Familie waren bereits vor 1933 das Ziel einer überregionalen Hetzkampagne: Vor dem Tod Wallersteiners im Jahr 1930 erschien unter der Überschrift "Der Musterjude von Ulm" ein Artikel im "Stürmer", dem berüchtigten antisemitischen Hetzblatt Julius Streichers.

Schwarz-weiß-Portraitfoto von Ludwig Stoß
Dr. Ludwig Stoß, 1945 (Bild: Karl Seuffer, Ulm, Quelle: Stadtarchiv Ulm, G2 Ludwig Stoß)

Am 6. Februar 1933 heiratete Alice Wallersteiner den Chirurgen und Gynäkologen Dr. Ludwig Stoß (1887-1966),  hoch geschätzter Facharzt im Neu-Ulmer Krankenhaus. Nach der Heirat zog Alice zu Stoß in die sogenannte Villa Stoß in der Augsburger Straße 45, die kurz danach in Hindenburgstraße umbenannt wurde. Sie wohnten dort bis zum Bombardement im März 1945.

Die Ehe blieb, wie auch Ludwig Stoß' vorherige Ehen, kinderlos. Alice Stoß tritt am 12.6.1933 aus der israelitischen Kultusgemeinde aus. Neu-Ulms Oberbürgermeister Franz Josef Nuißl habe „[...] anfangs Januar 1933 – also vor dem 30. Januar 1933 – Dr. Stoß dringend von einer Verehelichung mit Frau Wallersteiner abgeraten [...] mit dem Bemerken, daß er ihm nicht garantieren könne, ihn im Falle der Verehelichung als Krankenhausarzt weiter halten zu können."

1935 wurde in einer Hetzkampagne gegen Ludwig Stoß die jüdische Abstammung seiner Frau zum Anlass genommen, seine Absetzung als leitender Krankenhausarzt zu fordern. Er durfte allerdings weiterhin praktizieren, denn man konnte und wollte nicht auf seine fachlichen Fähigkeiten verzichten.
Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde Alice Stoß inhaftiert, konnte auf Betreiben des nationalsozialistischen Zweiten Bürgermeisters der Stadt Neu-Ulm Josef Ostermann jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Späterhin hatte Ostermann erfahren, „dass geplant war einen Vorstoss zu unternehmen, dass die in einer Mischehe lebenden israelitischen Ehepartner den Judenstern zu tragen gezwungen werden sollten. Nach sofortiger Information der Frau Dr. Stoss, unternahm ich die mir erforderlich erscheinenden Schritte und hatte Genugtuung, dass die Massnahme nicht durchgeführt wurde." Ostermann besorgte in seiner Funktion als Oberpostinspektor der Frau Stoß auch eine Postausweiskarte des Weltpostvereins ohne Verzeichnung ihrer jüdischen Abstammung. So konnte sich Alice Stoß relativ unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen. Oberbürgermeister Nuißl bestätigte Alice Stoß in diesem Zusammenhang mit Schreiben vom 19.12.1938 auch noch einmal ausdrücklich, dass sie Kriegerwitwe sei.

1939 unternahm das Ehepaar einen Fluchtversuch zu Alices Sohn nach Cambridge, der scheiterte, zum Glück aber von den Nationalsozialisten unbemerkt blieb: „Ein tragisches Schicksal verhinderte die Emigration meiner Mutter und von Prof. [sic] Stoß. Sie waren mit einer Besuchsgenehmigung der Engländer im Mai 1939 zu mir [nach Cambridge] gekommen, und mein Stiefvater hatte die Möglichkeit einer Anstellung an einem katholischen Missionskrankenhaus, aber die Engländer verweigerten beiden den Aufenthalt, brachten meine Mutter kurz ins Gefängnis, um sie zu zwingen, nach Deutschland zurückzukehren. Dies geschah unglaublicherweise im Mai 1939. […] Zum Glück war in Neu-Ulm nicht bekannt, daß die beiden von Deutschland fliehen wollten, um ein neues Leben in Freiheit außerhalb des Reichs Adolf Hitlers anfangen zu können.“ 

Schwarz-weiß-Fotografie von einer Postkarte vom Augsburger-Tor-Platz in Neu-Ulm Anfang des 20. Jahrhunderts, im Hintergrund das Ulmer Münster
Das Haus Augsburger Straße 45 wurde als Frohnfeste vom Bayerischen Staat 1868 gebaut und später vom Amtsgericht als Gefängnis genutzt. Vor 1900 erwarb es die Stadt und verkaufte es 1907 an Privat. Ludwig Stoß wohnte dort seit 1933 neben dem Eigentümer. (Bild: Stadtarchiv Neu-Ulm, D14 PS)

 

Zurück in Deutschland blieb die Stimmung gegenüber dem Ehepaar latent feindlich.

Aber sie fanden Unterstützung seitens der Neu-Ulmer Honoratioren, darunter, wie bereits erläutert, auch Oberbürgermeister Nuißl und Zweiter Bürgermeister Ostermann. Ludwig Stoß soll zu den führenden Nazis in Ulm/Neu-Ulm gesagt haben: "Wenn meiner Frau auch nur das geringste passiert, werde ich keinen mehr von euch operieren".

Kreisleiter Rödel erwähnt das Ehepaar in seinem Bericht an die Gauleitung vom Monat Mai 1943 implizit: „Auch im heutigen Bericht möchte ich wiederum darauf hinweisen, daß die Bevölkerung nicht versteht, weshalb Juden, die mit Ariern verheiratet sind, nicht auch zum Tragen des Judensterns verpflichtet werden. Jud bleibt Jud [...] Hier darf keine Rücksicht genommen werden auf den arischen Ehepartner. Im Gegenteil, vielleicht wäre diese allgemein geforderte Maßnahme ein Mittel, diesen zur letzten Konsequenz zu veranlassen, nämlich zur Ehescheidung."

Im März 1945 wurden Alice und Ludwig Stoß anlässlich des Luftbombardements evakuiert und fanden, wie viele andere ausgebombte Ulmer und Neu-Ulmer, eine erste Bleibe in dem Wullenstetter Gasthaus Krone. Dessen Wirtsleute Johann Wutz (1919-1980) und Frieda Wutz, geb. Merk (1921-2014) nahmen das Ehepaar Stoß in ihre Privaträume auf.

Aus Angst, in der kritischen Untergangsphase noch von herumziehenden SS oder SA oder von ihr feindlich gesinnten Nazis aus der Region aufgespürt zu werden, versteckte sich Alice Stoß in einer Mühle in Attenhofen.

Nach dem Krieg übernahm Ludwig Stoß (seit 1950 als Professor) die Leitung der Chirurgischen Klinik in Ulm. Das Ehepaar zog nach Ulm in die Steinhövelstraße 5. Die Ehe von Ludwig und Alice Stoß wurde 1954 geschieden.

Alice Stoß-Wallersteiner starb am 12. November 1979. Sie wurde auf dem Ulmer Friedhof (israelitischer Teil) neben ihrem ersten Mann Hugo Eugen Wallersteiner beerdigt. Das Grab existiert noch heute.

Quellen:

  • Stadtarchiv Neu-Ulm, Akte A01, Nr. 10293
  • Staatsarchiv Augsburg, Amtsgericht Neu-Ulm, Spruchkammerakten, O 22, R 118, M 148
  • Stadtarchiv Ulm (Hg.): Zeugnisse zur Geschichte der Juden in Ulm. Erinnerungen und Dokumente. Ulm 1991. S. 142.
  • Finkbeiner, W.: Wullenstetten früher ein eigenständiges Dorf, heute ein großer Wohnort und Ortsteil der Stadt Senden im unteren Illertal. Senden 2012. S. 418.